Kuma Blog

Als erstes deutsches Museum widmet die Kunsthalle Mannheim dem bedeutenden Zeichner eine Einzelausstellung.Robbie Cornelissen (*1954) ist ein bedeutender Zeichner im Bereich des Animationsfilms. Die Kunsthalle Mannheim präsentiert ab November großformatige Zeichnungen sowie aufwendig animierte Filme des niederländischen Künstlers im Jugendstilbau. Als erstes Museum in Deutschland würdigt die Kunsthalle Cornelissens Werk in einer Einzelausstellung. Premiere feiert der Film Terra Nova. Die animierte Reise eines Astronauten auf der Suche nach einer neuen Erde wurde eigens für die Mannheimer Schau produziert.Cornelissens Zeichnungen bemessen bis zu 13 Metern und füllen ganze Ausstellungswände. Zu sehen sind teils reale, teils fiktive architektonische Räume in spannungsreichen Schwarz-Weiß-Kontrasten. Leere Bibliotheken, Wartesäle und weite Hallen stellt der Künstler in akribischen Details dar. Mit dem Film Terra Nova, der 10.000 Zeichenzustände in aufwendiger Stop-Motion-Technik zusammenführt, hinterfragt der Niederländer kritisch die stetige – mal hoffnungsvolle, mal verzweifelte – Suche der Menschheit nach neuen Lebensräumen, die in seiner Vision scheinbar im Nichts endet. „Die Arbeit handelt vom Klima und unserer Rolle in der Welt und davon wie wir miteinander und mit der Welt umgehen. Denn ich finde, dass wir in dieser Hinsicht völlig entgleist sind “, so der Künstler.Die Ausstellung steht auch richtungsweisend für die Entwicklung der zeitgenössischen Zeichnung, die einen kompletten Medienwandel vollzogen hat. Künstler*innen wie Robbie Cornelissen spielen – nachhaltig inspiriert von den wegweisenden filmischen Installationen William Kentridges – in ihren Werken mit der Vielfalt von Animationstechniken und den Möglichkeiten digitaler Medien. Er bedient sich in seinen Arbeiten nicht nur unterschiedlicher Medien sondern bezieht sich auch auf die Motivwelt von Klassikern des Science-Fiction-Films wie Fritz Langs „Metropolis“ oder Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“.

Die Vorstellung der liebevollen und fürsorglichen Mutter ist in unserer Gesellschaft tief verankert. Sie geht zurück auf das Idealbild der makellosen Madonna des Christentums, das noch heute unseren Blick auf Familienkonstellationen und Geschlechterverhältnisse prägt.Das traditionelle Urbild der Maria mit Kind dient auch als Einstieg in die Ausstellung „MUTTER!“ Dieric Bouts‘ klassische Madonna mit ihrem blauen Mantel, dem sanften Blick und ihrer reinen Schönheit steht beispielhaft für eine Bildsprache, die in der Kunst- und Kulturgeschichte noch heute nachwirkt. Ihr langes, wallendes Haar ist so detailliert gemalt, dass die einzelnen Haarsträhnen deutlich sichtbar werden. Der helle Goldgrund scheint über den Rahmen des Bildes hinaus zu strahlen und enthebt die Szenerie der weltlichen Sphäre. Dennoch bemüht Bouts sich, die tiefe Bindung zwischen Mutter und Kind und das zutiefst Menschliche darin sichtbar werden zu lassen. Die Jungfrau Maria blickt liebevoll auf das Jesuskind in ihren Armen, das gedankenversunken mit einer Glasperle am Rosenkranz um seinen Hals spielt.  Das unschuldige Spielen des Kindes verleiht dem Gemälde eine intime und gleichzeitig unmittelbare und lebendige Wirkung.Bis ins 20. Jahrhundert hinein lässt sich ein großer Teil der Darstellungen von Mutter und Kind auf die christliche Madonna zurückführen. Besonders beliebt war das Thema auch bei männlichen Künstlern. Die Gegenüberstellung verschiedener Generationen im Bild oder die Darstellung des weiblichen Halbakts stellten interessante Sujets dar, die ihnen die Möglichkeit boten, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Romantisierende Gemälde stillender, in sich gekehrter Frauen oder harmonische Familienszenen skizzieren ein überhöhtes, dem Alltag entrücktes Idealbild. Weibliche Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker oder Jeanne Mammen widmeten sich dem Thema hingegen oftmals aus einer sozialkritischen und persönlichen Perspektive. Sie zeigen schwangere Frauen, trauernde Mütter, monumentale Kinderporträts und aufrüttelnde Darstellungen der ungeschönten Realität zu Beginn des 20. Jahrhunderts.Auch wenn das Thema der Mutterschaft noch heute zum Teil tabuisiert wird, lässt sich in der Kunst mittlerweile ein recht facettenreiches Bild von Mutterschaft zeichnen. So wird Dieric Bouts‘ Madonna im Rahmen der Ausstellung „MUTTER!“ zu einer Hintergrundfolie, von der sich das Bild der Mutter in viele Richtungen auffächert – von Frauen, deren Kinderwunsch unerfüllt bleibt, über queere Elternschaft bis hin zu ungewollten Schwangerschaften und dysfunktionalen Familienstrukturen. Künstler*innen nehmen Elternschaft heute als zentrales gesellschaftliches Thema wahr, das sich im Leben jedes Einzelnen auf verschiedenste Art und Weise manifestieren kann.

Ausstellung „James Ensor“ ist noch bis zum 3.10. zu sehen – Begleitprogramm mit Konzertabend am 24.09. und Vortrag am 26.09 Als eine „kleine Sensation“, bezeichnet Kuratorin Dr. Inge Herold die temporäre Rückkehr des Gemäldes „Der Tod und die Masken“ von James Ensor. Das berühmte Werk war 1937 in der Kunsthalle von den Nationalsozialisten als „entartet“ beschlagnahmt ist nun noch bis zum 3. Oktober 2021 prominentes Zentrum der Ausstellung „James Ensor“, die Besucher*innen noch knapp zwei Wochen im Jugendstilbau des Museums ansehen können.Bis zum Abschluss der Ausstellung haben die Besucher*innen noch bei Führungen und zwei besonderen Begleitveranstaltungen die Gelegenheit Ensors Werke zu entdecken. So ist am Freitag, den 24. September um 19 Uhr die musikalische Akademie des Nationaltheater-Orchesters Mannheim zu Gast im Atrium des Museums und begleitet die Ausstellung musikalisch. Dr. Inge Herold wird das Konzert mit einer Einführung eröffnen. Im Zentrum des Abends steht György Ligetis Komposition „Mysteries of the Macabre“. Flankiert wird das Stück durch die Musik von Eugène Ysaÿe, César Francks und Flor Alpaerts. Dr. Ina Dinter, Leiterin des Kunstmuseums Reutlingen, hält zudem am 26. September um 11 Uhr einen Vortrag über Tanz, Theater und Inszenierung in der Kunst Ensors. Die Teilnahme ist vor Ort und digital per Livestream möglich.Das Werk des belgischen Künstlers James Ensor (1860-1949), der berühmte „Maler der Masken“, ist tief in der Geschichte der Kunsthalle Mannheim verwurzelt. Bereits 1928 wurde der Maler dort in einer Einzelausstellung als bedeutender zeitgenössischer Ausnahmekünstler gefeiert. Nun widmet die Kunsthalle James Ensor erneut eine große Ausstellung, in deren Zentrum das Schicksal eines Bildes steht, das einst zur Sammlung des Museums gehörte. Das Gemälde „Der Tod und die Masken“ wurde 1937 von den Nationalsozialisten als „entartet“ beschlagnahmt und befindet sich heute im Musée des Beaux-Arts Lüttich. Anlässlich der Ausstellung kehrt es temporär nach Mannheim zurück.

Mit dem internationalen Ausstellungsprojekt zeigt die Kunsthalle unterschiedliche Wahrnehmungen von Mutterschaft in der KunstOb liebevoll oder distanziert, nah oder fern, lebendig oder tot – sie bleibt immer Ursprung und existentieller Beginn des menschlichen Lebens: Die Mutter. Kaum ein Begriff, ein Konzept, provoziert vielfältigere Assoziationen, Empfindungen und Rollenklischees. Mit dem internationalen Ausstellungsprojekt „MUTTER!“ zeigt die Kunsthalle Mannheim in ihrer großen Herbstausstellung wie unterschiedliche Wahrnehmungen von Mutterschaft in der Kunst – von Alten Meistern, über Werke der frühen Avantgarde bis zur Gegenwart – gespiegelt werden.Von prähistorischen Fruchtbarkeitsgöttinnen über Marienbilder der Renaissance bis hin zu zeitgenössischen Installationen – über 150 Kunstwerke und Objekte erzählen die Geschichte der Mutterschaft aus verschiedenen Perspektiven. Die Ausstellung verbindet künstlerische Positionen mit Kulturgeschichte, Religion, Literatur, Musik, Film, Design und Medizingeschichte und veranschaulicht so, dass Kunst mit gesamtkulturellen Vorstellungen und Phänomenen verbunden ist.In der Ausstellung sind Arbeiten unter anderem von Egon Schiele, Pablo Picasso, Edvard Munch, René Magritte und Otto Dix zu sehen. Mit Werken von Paula Modersohn-Becker, Louise Bourgeois, Yoko Ono, Rineke Dijkstra, Tracey Emin, Laure Prouvost und VALIE EXPORT konzentriert sich die Schau jedoch vor allem auf eine Zeit, in der die feministische Bewegung die traditionelle Rolle der Frau in Frage stellt. Vom 20. Jahrhundert mit der Erfindung der Antibabypille und der Legalisierung von Abtreibungen bis hin zu heutigen Rollenkonzepten zwischen neuen Familienstrukturen und queerer Elternschaft wird das Bild der Mutter im Hinblick auf kulturelle Erwartungen und Normen untersucht.Kurator*innen: Marie Laurberg (Louisiana Museum of Modern Art), Kirsten Degel (Louisiana Museum of Modern Art), Johan Holten (Kunsthalle Mannheim) „MUTTER!“ ist eine Ausstellung des Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, Dänemark in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle MannheimDas FamilienzimmerZur Auseinandersetzung mit dem Thema „Mutterschaft“ in all seiner Vielfalt, initiiert die Kunsthalle Mannheim begleitend zur Ausstellung das Projekt Familienzimmer. Inmitten der Ausstellungsräume wird im Herbst ein öffentlich zugänglicher und vielfältig nutzbarer Raum geschaffen, den Familien, Vereine, Gruppen oder Einzelpersonen für Workshops, Community-Treffen und Gemeinschaftsaktionen kostenfrei nutzen können. Gemeinsam mit interkulturellen Communities, sozialen Einrichtungen und verschiedensten Akteur*innen der Mannheimer Stadtgesellschaft gestaltet das Team der Kunsthalle das partizipatorische Programm. Mit dabei sind u.a. Musik, Debatten, Lesungen, Hör-Stationen und Eltern-Kind-Treffs.

20 Jahre ist es her, dass sich die Live-Aufnahmen der einstürzenden Türme des World Trade Centers in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt haben. Welchen Einfluss hatte die damalige Krisenberichterstattung aber darauf, wie wir uns heute an die Anschläge des 11. Septembers 2001 erinnern? Die Kunsthalle Mannheim geht zum Auftakt der neuen Ausstellung „MINDBOMBS“ am 10. September 2021, 19 Uhr, dieser Frage nach. Zur Diskussion sind die Journalist*innen Julie von Kessel (ZDF), Sonja Zekri (Süddeutsche Zeitung) und Stephan Weichert (University of Applied Sciences in Hamburg) geladen. Die digitale Veranstaltung leitet die Programmreihe „ABC des Terrorismus“ ein.Im Gespräch mit dem Kurator der Ausstellung „MINDBOMBS“, Dr. Sebastian Baden, wird die Übertragung der Anschläge von 9/11 in den Blick genommen. Die Diskussion geht Fragen nach, wie z.B. Freund- und Feindbilder in der Krisen- und Kriegsberichterstattung konstruiert werden? Die Journalistin, ZDF-Reporterin und Autorin, Julie von Kessel berichtete damals als ZDF-Reporterin live vor Ort in New York. 2020 veröffentlichte sie ihren Roman „Als der Himmel fiel“ über Familie, Freundschaft und Verrat im New York von 9/11. Sonja Zekri, Journalistin und seit 2020 Kulturkorrespondentin der Süddeutschen Zeitung, hat mehrfach zur Frage „Was ist Terrorismus“?“ sowie über die Veränderungen des Feuilletons seit 9/11 geschrieben. Stephan A. Weichert, seit 2008 Professor für Journalismus und Kommunikationswissenschaft an der University of Applied Sciences in Hamburg, war 2003 Mitherausgeber des Buches „Bilder des Terrors – Terror der Bilder? Krisenberichterstattung am und nach dem 11. September“. Er legte außerdem seine Dissertation zum Thema „Die Krise als Medienereignis“ vor.20 Jahre nach den Anschlägen des 11. September 2001 und 10 Jahre nach der Entdeckung des NSU widmet die Kunsthalle Mannheim mit derSonderausstellung „MINDBOMBS“ (10.09.21–24.04.22) eine hochaktuelle künstlerische Perspektive auf die Geschichte und politische Ikonografie des modernen Terrorismus. Die ausgestellten Werke stehen repräsentativ für die entschiedenen Reaktionen bildender Künstler*innen auf extremistische Propaganda und politische Gewalt von terroristischen Gruppen wie der RAF, dem NSU oder dem IS.AUF EINEN BLICKFreitag 10.09.2021, 19 UhrReihe: ABC des TerrorismusA wie Anschlag: „20 Jahre 9/11 – Wie erinnern wir den Tag des Terrors?“Die Veranstaltung findet digital statt. Der Zugangslink wird über www.kuma.art bekanntgegebenKosten: Eintritt frei

Unter den deutschen Künstlern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden sich einige, die den belgischen Kollegen James Ensor sehr schätzten. Neben Erich Heckel sind vor allem George Grosz, Paul Klee, Emil Nolde und Felix Nussbaum zu nennen.Emil Nolde (1867-1956) war einer der ersten deutschen Künstler, der während einer Belgien-Reise im Januar 1911 Ensor in Ostende persönlich besuchte. In seiner autobiografischen Schrift Jahre der Kämpfe schilderte er die Begegnung: „Im städtischen Museum (von Brüssel) suchten wir nach Radierungen von Ensor, in einem großen grauen Raum. Wir fanden keine. Er galt damals noch nichts in seinem Land. Es fügte sich, dass wir einige Tage danach ihn selbst trafen, den feinen phantastischen Künstler, wir saßen uns gegenüber, die Augen sich verstehend, nur sprechen konnten wir Maler miteinander nicht.“ Wie Ensor interessierte sich Nolde für exotische Artefakte und Masken, studierte und zeichnete sie im Völkerkunde-Museum Berlin und begann sie auch zu sammeln. Seit 1911 stellte er auch Masken mehrfach in seinen Bildern dar. Es liegt nahe zu vermuten, dass ihm der Besuch bei Ensor einen wesentlichen Impuls dazu gab. Während bei Ensor die Masken jedoch sowohl seiner Phantasie entsprangen als auch dem Kontext des Karnevals zugehörten, handelte es sich bei Nolde häufig um Masken außereuropäischer Herkunft.  Ein anderer Künstler, der sich schon 1913 mit Ensor auseinandersetzte, war George Grosz (1893-1959). 1917 ließ Grosz Ensors Masken vor dem Tod (1888) in der Februar/März-Nummer der von ihm und John Heartfield herausgegebenen Zeitschrift Neue Jugend abbilden. Ensor erscheint damit in einem Kontext, der Dadaismus, die Revolte des Frühexpressionismus, politische pazifistische Anliegen und zeitgenössische Lyrik miteinander verband. Grosz verstand sich selbst als Herold der Kunst Ensors, von einer persönlichen Begegnung der beiden ist jedoch nichts bekannt.Im Ersten Weltkrieg bildete sich um den Kunsthistoriker Walter Kaesbach (1879-1961) in Flandern eine Kolonie von deutschen Künstlern, für die Ensor zu einer wichtigen Figur werden sollte – weniger im Hinblick auf direkte künstlerische Adaptionen, umso mehr jedoch als Impulsgeber und Gesprächspartner. Nicht zu unterschätzen ist der Aspekt, dass dieser Kreis in Deutschland zu Multiplikatoren im Hinblick auf Ensors Kunst wurde. Wie sehr Ensor von den Begegnungen profitierte, ist leider durch schriftliche Dokumente nicht belegt, jedoch gibt es in Werk und Leben der deutschen Künstler diverse Zeugnisse. Kaesbach war 1914 als leitender Zugführer einer Sanitätseinheit in Belgien zum Einsatz gekommen, zunächst in Roeselaere, dann in Ostende. Er nutzte seinen Einfluss beim Roten Kreuz, um mit ihm befreundete Künstler vor dem Einsatz an der Front zu bewahren und stattdessen Verwundete in die Kriegslazarette in Brügge, Gent und Brüssel zu transportieren. Zu dem engen Kreis um Kaesbach zählten Erich Heckel, Anton Kerschbaumer, Max Kaus und Otto Herbig. Inmitten des Kriegsgeschehens entstand ein „künstlerisches und kameradschaftliches Miteinander“, so Kaesbach im Rückblick. Man fand Zeit zum Arbeiten und so oft es möglich war, studierte man die Kunstschätze in Brügge, Gent und Brüssel. Zu Ensor als dem wichtigsten Vertreter der belgischen Kunst entstanden bald enge Kontakte. Man traf sich, diskutierte, tauschte und kaufte Werke, es entstanden Freundschaften.Besonders Erich Heckels (1883-1970) Beziehung zu Ensor war komplex: Er war Sammler, Förderer und Bewunderer zugleich, wenngleich sein Werk weder formal noch inhaltlich Spuren Ensors zeigt. In seinem Nachlass finden sich Radierungen mit freundschaftlichen Widmungen Ensors. Heckel bemühte sich außerdem darum, Ensors Werke an deutsche Sammlerinnen und Sammler zu vermitteln oder ihm Aufträge zu verschaffen. Jahre später, 1924, unternahm Heckel eine Belgien-Reise und stattete auch Ensor wieder einen Besuch ab. Anschließend porträtierte er ihn aus der Erinnerung. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gemälde zeigte Ensor in Bild füllender Halbfigur als würdevollen Herrn in einer Straßenflucht Ostendes, rechts ein Schaufenster mit seinen Werken. Bereits 1930 wiederholte Heckel das Motiv in vergleichbarem realistischem Stil, wobei die Figur nun weniger Raum einnahm und Ensors selbstbewusste Haltung einem eher fragenden Ausdruck Platz machte. Dieses Gemälde gelangte 1948 in die Sammlung Haubrich in Köln (Abb.). Beide Gemälde zeugen von Heckels Bewunderung für den belgischen Meister, sie sind repräsentatives Porträt und freundschaftliche Hommage gleichermaßen.Auch Max Beckmann (1884-1950) gehörte eine Zeitlang zu der Sanitätertruppe um Kaesbach, er schloss sich dem Kreis aber offenbar nicht an. Im März 1915 muss es eine Begegnung zwischen Beckmann und Ensor gegeben haben, von der jedoch keine Einzelheiten überliefert sind. Verwandt sind beide Künstler im Interesse daran, die Welt als Bühne zu betrachten, auf der die Menschen mit und ohne Maskierung ihre Rolle spielen. Bereits 1928 hatte der jüdische Maler Felix Nussbaum (1904-1944) während eines Belgien-Aufenthaltes Ostende kennengelernt und war vermutlich schon damals auf Ensor aufmerksam geworden. Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten suchte er mit seiner Frau 1935 Zuflucht in Belgien, wo beide im Februar mit einem Touristenvisum zunächst in Ostende ankamen. In einem Brief an den Künstlerkollegen Ludwig Meidner aus dem Jahr 1937 berichtete Nussbaum über den Karneval, in den sie sich gleich nach Ankunft stürzten: „Der Marktplatz war geschmückt, ein großer Laufsteg unter Scheinwerferlicht. – Die Jury saß irgendwo in der Mitte. – Einzeln unter Musikbegleitung mußten die Masken davor ‚Halt‘ machen um begutachtet zu werden. Wie ich so da stand sah ich in der Jury einen alten Herrn mit weißem Gesicht und weißem Bart, – der machte sich eine Notiz als er mich sah. – Das war James Ensor: – Ich erhielt einen Preis – und Felka und ich tranken dann unsere alltäglichen Sorgen herunter.“ Dass sich die beiden Maler dann auch intensiver austauschten und schätzten, davon zeugt ein für Nussbaum wichtiges Dokument: Am 25.8.1935 stellte ihm Ensor ein wohlwollendes Zeugnis über seine Malerei aus, um seine Aufenthaltsgenehmigung zu erwirken. Gemeinsam war beiden Malern die Auseinandersetzung mit dem Motiv der Maske. Bereits in den 1920er-Jahren hatte Nussbaum Masken als Metapher genutzt, um den Aspekt der Doppelgesichtigkeit der Wirklichkeit, die Gespaltenheit seines Ichs zu visualisieren. Im Exil gewann die Maskenmetaphorik weitere Facetten hinzu. Stehen in Ensors Bildern die Masken für die Nichtigkeit des Seins, für Entfremdung und die Absurdität der Welt, wurden die Masken für den vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Belgien geflohenen Nussbaum vor allem zum Symbol für die nun überlebenswichtigen Strategien des Verbergens und Verstellens.

Mysteries of the Macabre – könnte es sich hierbei um das heimliche Motto James Ensors handeln, der mit seinen fratzenhaften Maskendarstellungen oft die Grenze des Makabren überschritt? Nein, es ist eine Komposition aus der Feder György Ligetis, die im Mittelpunkt eines musikalischen Ensor-Abends am Freitag, den 24. September 2021, um 19 Uhr, in der Kunsthalle Mannheim steht. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe LIVE IM ATRIUM kooperiert die Kunsthalle mit der Musikalischen Akademie des Nationaltheater-Orchesters Mannheim e. V. Mitglieder des Nationaltheater-Orchesters präsentieren dabei mehrere Kammerkonzerte, die die Ausstellungen der Kunsthalle Mannheim musikalisch begleiten. Dieses Mal steht die Ausstellung „James Ensor“, die noch bis zum 3. Oktober 2021 zu sehen ist, im Fokus. Flankiert wird György Ligetis Komposition Mysteries of the Macabre durch die Musik von Eugène Ysaÿe und César Franck, dazu kommt der Belgier Flor Alpaerts: Während seine James-Ensor-Suite platztechnisch selbst das Atrium der Kunsthalle sprengen würde, ist seine atmosphärische Avondmuziek nicht weniger ergreifend.   Das Werk des belgischen Künstlers James Ensor (1860-1949), der berühmte „Maler der Masken“, ist tief in der Geschichte der Kunsthalle Mannheim verwurzelt. Bereits 1928 wurde der Maler dort in einer Einzelausstellung als bedeutender zeitgenössischer Ausnahmekünstler gefeiert. Nun widmet die Kunsthalle James Ensor erneut eine große Ausstellung, in deren Zentrum das Schicksal eines Bildes steht, das einst zur Sammlung des Museums gehörte. Das Gemälde „Der Tod und die Masken“ wurde 1937 von den Nationalsozialisten als „entartet“ beschlagnahmt und befindet sich heute im Musèe des Beaux-Arts Lüttich. Anlässlich der Ausstellung kehrt es temporär nach Mannheim zurück. AUF EINEN BLICKProgrammPlus:Freitag, 24.09.2021, 19 Uhr (Einlass: 18.30 Uhr)Live im Atrium: Mysteries of the MacabreFlor Alpaerts: AvondmuziekEugène Ysaÿe: Sonate für Violine solo Nr. 2György Ligeti: Mysteries of the MacabreCésar Franck: Klavierquintett f-MollKosten: 25€Anmeldung und Ticketverkauf zu allen Veranstaltungen und Führungen unter https://www.kuma.art/de/kalender

Autorinnen: Vanessa Ballon, Lea Defren und Anne-Sophie Joos-ArpDer Countdown läuft, unser Freiwilliges Soziales Jahr neigt sich dem Ende zu. Wir blicken zurück auf ein Jahr in der Kunsthalle Mannheim.Frisch aus der Schule freuten wir uns auf das, was uns erwarten sollte. Anfangs fiel es schwer, uns an den neuen Arbeitsalltag zu gewöhnen, doch schon bald entwickelten wir eine Routine. Wir fühlten uns sicherer in unseren Aufgaben und kannten bald die weitläufige Architektur in und auswendig. Heute kommt es uns vor, als wäre das Alles erst gestern gewesen, doch heute, fast 12 Monate später, merken wir, wie sehr wir an den Herausforderungen gewachsen und gereift sind.Auch, wenn zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht noch unklar ist, wo es uns beruflich einmal hin verschlägt, war das Jahr ein wichtiger Schritt in unserer persönlichen Entwicklung. Die Fähigkeit, im Team zu arbeiten, Kompromisse eingehen zu lernen und selbstständig Verantwortung für das eigene Schaffen zu übernehmen, sind nur ein kleiner Teil dessen, was wir mitnehmen dürfen. Der exklusive Einblick in die Arbeitsweise einer institutionellen Organisation wie der Kunsthalle, hat bei jeder von uns Dreien sicherlich unterschiedliche, aber in jedem Fall prägende Eindrücke hinterlassen.Häufig haben wir uns die Frage gestellt: Würden wir das FSJ Kultur weiterempfehlen?Ja, auf jeden Fall! Durch unsere unterstützende Arbeit an Ausstellungen in den Bereichen Kommunikation und Marketing, sowie der Kunstvermittlung und durch das alltägliche Leben des Hauses, von dem wir ein Teil wurden, haben sich unser Horizont und unser kulturelles Verständnis erweitert. Wir haben neue Künstler*innen kennengelernt und an deren Werken Gefallen gefunden. Besonders durch die Corona-Pandemie wurde deutlich, welchen (emotionalen) Stellenwert Kulturangebote innerhalb der Gesellschaft einnehmen und wie wichtig das Verständnis dafür ist. Nach diesem aufregenden Jahr ist uns bewusst geworden, wie viel man der Gesellschaft mit der Arbeit innerhalb einer Kulturinstitution zurückgeben kann. Gerade Kunst- und Kulturliebenden bietet das kulturelle Jahr also die Möglichkeit, persönliche Interessen und Beruf miteinander zu verbinden. Aus der Dankbarkeit, die wir von Besucher*innen erfahren durften, kann Jede und Jeder Einzelne schöpfen. Dieses Jahr brachte also nicht nur eine individuelle Entfaltung mit sich, sondern bot uns auch die Möglichkeit einen viel größeren, gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.In diesem Sinne wünschen wir unseren Nachfolger*innen einen erfolgreichen Start und ein lehrreiches, abwechslungsreiches Jahr. Möget ihr ebenso viel erfahren und an euren alltäglichen Aufgaben und Herausforderungen wachsen, wie wir. Lasst euch inspirieren von anderen Menschen und der Kunst – wir können viel voneinander und miteinander lernen. Wir, Vanessa, Lea und Anne-Sophie, verabschieden uns mit einem großen Dankeschön an Alle, die uns auf unseren Wegen begleitet und unterstützt haben.

Maskeraden spielen in den Bildern des belgischen Künstlers James Ensor (1860–1949) eine wichtige Rolle. Im elterlichen Souvenirladen fand Ensor bereits früh Zugang zu Masken unterschiedlicher Kulturkreise und Gefallen an den Kostüm- und Maskenbällen, die zu Karnevalszeiten in der belgischen Küstenstadt Ostende stattfanden. So wird die Maske nicht nur zu einem seiner  Hauptmotive, sondern auch zu seinem Markenzeichen, das ihm den Titel als Maler der Masken einbrachte:Die Maske bedeutet mir: Frische des Tons, überspitzter Ausdruck, prächtiger Dekor, große, unvermutete Geste, ungehemmte Bewegung, erlesene Turbulenz.  (zit. nach Paul Haeserts, James Ensor, Stuttgart 1957, S. 163)Doch der Blick hinter die farbenprächtigen, skurrilen Masken, die in den Bildwelten Ensors ihr Eigenleben führen, entlarvt und karikiert auch die Maskeraden moderner Gesellschaften, die Abgründe der menschlichen Existenz und deren oftmalige Scheinheiligkeit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wie heute können wir in den (Masken)Bildern Ensors modernistische Ideen und Konzepte entdecken, die auch über 100 Jahre später keineswegs an Aktualität eingebüßt haben.  ENSOR ALS SPRACHROHR DER MODERNEN WELT? – VON IDENTITÄTSSUCHE UND GESELLSCHAFTSKRITIK Zu Beginn seiner Laufbahn noch vom belgischen Publikum und der Kunstwelt kritisiert, fühlte sich Ensor missverstanden und selbst von Freunden im Stich gelassen. In vielen seiner Selbstbildnisse stilisierte er sich daher zum verkannten Künstler, der den Angriffen der verhassten Kritiker*innen mit Selbstbewusstsein und einer gewissen Selbstironie trotzt. Wie die individualisierten Masken in seinen bildnerischen, bühnenartigen Inszenierungen schlüpfte Ensor in seinen Selbstbildnissen in unterschiedlichste Rollen und gab dadurch auch die vielfältigen Facetten seines Selbst preis – angetrieben von der harschen Kritik an seiner modernistischen Kunstauffassung und der beharrlichen Suche nach der eigenen Identität hinter der konventionellen Fassade. Die charakteristische Verwendung der Maske diente Ensor dabei auch als Mittel der Provokation des ihn ablehnenden Publikums und der Bloßstellung seiner Kritiker*innen, die er als Teil einer heuchlerischen und trügerischen Welt entlarven wollte. – Die Maske stellt aber auch den Versuch dar, die eigene Identität künstlerisch zu greifen, zu erkunden und gegen den gesellschaftlichen Druck von außen zu behaupten. In Anbetracht der von Leistungsorientiertheit und Selbstoptimierung bestimmten Welt der Moderne liegen Parallelen zu Ensors skurrilen Bildwelten besonders nahe. Ensors Maskeraden und teils surrealistisch anmutende Verwandlungen brechen mit konventionellen Gesellschaftsidealen, legen die Verletzbarkeit und Abgründe der Menschheit frei und geben Anlass zur Selbstbefragung.Neben der Suche nach der eigenen Identität in der modernen Welt, beschäftigte sich der Künstler auch mit Themen von gesellschaftspolitischer Relevanz: Er setzte sich beispielsweise für den Erhalt der Dünenlandschaft seines Lebensmittelpunkts Ostende ein und kritisierte die schlechte Haltung von Tieren. In Anbetracht der Krisen seiner Zeit beklagte er die Janusköpfigkeit der Moderne: Oh belle modernité, que de crimes on commet en ton nom! / Oh! Schöne Moderne, dass in deinem Namen Verbrechen begangen werden! (zit. nach Herwig Todts, James Ensor, Occasional Modernist. Ensor’s Artistic and Social Ideas and the Interpretation of his Art. Turnhout 2018, S. 186)Ebenso dokumentierte und kommentierte Ensor, wie in Der Einzug Christi in Brüssel an Mardi Gras 1889, gesellschaftspolitische Ereignisse und Entwicklungen in seiner Kunst. In der monumentalen Maskenszene, die Ensor in einem Gemälde von 1888/89 (Getty Museum, Los Angeles) und in Radierungen (1898) zum Motiv machte, wird die Leidensgeschichte Jesu auf Ensors eigene Zeit übertragen und die Geschehnisse von Palmsonntag werden zu einer Art Demonstration grotesker Gestalten und Masken umgewandelt. Die Banner und Flaggen der Parade greifen Parolen der Demonstrationen der Belgischen Arbeiterpartei auf, die Ende der 1880er Jahre in Brüssel stattfanden. Neben dem revolutionären Schlachtruf Vive la Sociale / Lang lebe die sozialistische Republik finden sich auch Sprüche wie Fanfares doctrinaires toujours réussis / Doktrinäre Fanfaren stets erfolgreich oder Les charcutiers de Jérusalem / Die Fleischer von Jerusalem. Satirisch und auf groteske Weise bündelte Ensor hier verschiedenste politische, religiöse und künstlerisch-ästhetische Diskurse des gesellschaftlichen Umbruchs um die Jahrhundertwende, die sich mit sozialer und politischer Unterdrückung auseinandersetzten. Fasziniert von der Kraft der Menschenmenge stellt Ensor folglich auch die politische Repräsentation einer Gesellschaft durch Einzelne in Frage und weist uns dabei auf die Untrennbarkeit von Individuum und kollektiver Zugehörigkeit hin. IRONISCHE KONFRONTATION MIT DER SCHWERE – DIE MASKE UND DER TOD IM ENSOR’SCHEN KOSMOS Ein wesentlicher Aspekt in Ensors Bildwelt, der uns in Zeiten der Pandemie besonders vor Augen geführt wird, darf zum Schluss nicht unerwähnt bleiben. Selbst vor den schweren Themen der menschlichen Existenz verschont uns der Künstler nicht: Ensors Mahnung an die Vergänglichkeit und die Fragilität des Seins findet in der Verbindung von Masken und Skeletten einen makabren Höhepunkt.In Mein Porträt im Jahre 1960 stellte sich der damals 27-jährige Ensor selbstironisch als liegendes Skelett dar. Die Maske hat er – so könnte man hier meinen – abgenommen, der Tod ist auf groteske und schamlose Weise demaskiert.Auf geradezu sarkastische Art wiederholt sich das Ensor’sche Spiel von Maskierung und Demaskierung wenn wir als Betrachter*innen in Zeiten der Pandemie mit unseren medizinischen Masken vor seine Bilder treten und uns der eigenen Verwundbarkeit bewusst werden.

Museen werden zunehmend zu Austragungsorten von gesellschaftspolitischen Diskursen zu Gleichberechtigung, Inklusion und Ökologie. Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich sprach zuletzt auch von einer Tempelrevolution, die sich derzeit in der Museumswelt abzeichnet (ART 07/2021). Diesen Umbruch reflektierend und begleitend, fand am 15. Juli die zweite Landesvolontariatstagung des Jahres 2021 in Mannheim und Ludwigshafen statt. Ausgerichtet wurde die aufgrund der Corona-Pandemie online durchgeführte Tagung von den Volontär*innen der Mannheimer und Ludwigshafener Museen (TECHNOSEUM, Reiss-Engelhorn-Museen, Kunsthalle Mannheim, Wilhelm-Hack-Museum, Ernst-Bloch-Zentrum) in Kooperation mit dem Arbeitskreis wissenschaftlicher Volontärinnen und Volontäre des Museumsverbandes Baden-Württemberg e.V.DIVERS – NACHHALTIG – DIGITAL: Ziele und Herausforderungen der zukünftigen MuseumsarbeitDie Literaturwissenschaftlerin bell hooks schreibt: „Um wirklich visionär zu sein, müssen wir unsere Vorstellungskraft in unserer konkreten Realität verwurzeln und uns gleichzeitig Möglichkeiten jenseits dieser Realität vorstellen.” (übersetzt nach bell hooks, Feminism is for everybody, London 2000, S. 110) Vor der Umsetzung von Visionen steht auch die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Sammlungstätigkeit: Nach welchen Kriterien wurden bisher Objekte in musealen Sammlungen bewahrt und was soll für zukünftige Generationen erhalten werden? Wie kann Diversität im weitesten Sinne in bestehenden Sammlungen sichtbar(er) gemacht und erweitert werden?Die Vielfalt von Kulturen, Religionen, Gender und Migrationsbewegungen bestimmt seit jeher die Menschheitsgeschichte. Sie prägt nicht nur das soziale bzw. kulturelle Gedächtnis, sondern auch museale Sammlungen aller Fachbereiche – von Technik- und Naturkundemuseen, über Kunst- und Geschichtsmuseen bis hin zu Gedenkstätten. Sowohl Fragen zu Teilhabe und Multiperspektivität als auch die Tragweite unseres Handelns im Sinne einer sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit standen daher im Mittelpunkt der Vorträge und interaktiven, praxisorientierten Sessions der Tagung.In vielen Beiträgen wurde sowohl über die an den Museen betriebene Provenienzforschung als auch über die damit verbundenen Restitutionsansprüche (d.h. die Rückgabe von unrecht entzogenen oder geraubten Kulturgütern) diskutiert, die in diesem Kontext eine entscheidende Rolle spielen. Neben der Aufarbeitung von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern wird sich die Provenienzforschung zukünftig intensiv mit Objekten beschäftigen müssen, die mit kolonialgeschichtlichen Menschheitsverbrechen zusammenhängen und dadurch eine kritische Befragung musealer Sammlungsbestände notwendig machen. Die Thematisierung fragwürdiger und von Diskriminierung zeugender Provenienzen von Kulturgütern ist dabei ebenso wie die Zusammenarbeit mit Communities und Herkunftsgesellschaften von zentraler Bedeutung für die Sammlungsarbeit europäischer Museen, insbesondere für ethnografische Museen. Sowohl internationale Partner*innen als auch lokale Stadtgesellschaften sollen dabei nicht nur bei sammlungspolitischen Entscheidungen berücksichtigt, sondern auch bei der Gestaltung von Sammlungspräsentationen stärker involviert werden, indem sie ihre Geschichte(n) selbst erzählen.   In den Diskussionen und Beiträgen wurde ebenso deutlich, wie die digitale Dokumentation und Archivierung von Sammlungsbeständen (und Ausstellungen) zu den zentralen Bestandteilen heutiger Museumsarbeit gehören und dass eine digitale Vernetzung zwischen den Museen trotz zahlreicher Kooperationen ein bislang noch unerreichtes Ziel darstellt. Online-Datenbanken und -Plattformen ermöglichen es den Museen einerseits, Ergebnisse der Provenienzforschung für die Forschung transparent zu machen, sie können aber ebenso eine breite Öffentlichkeit ansprechen. Nicht zuletzt bietet die Digitalisierung Möglichkeiten, den Austausch zwischen Museen, aber auch zwischen Museen und Herkunftsgesellschaften zu fördern und sich beispielsweise über Datenbanken zu vernetzen, um neben der Bündelung von Wissen die Recherchearbeit von Forscher*innen und Bürger*innen über Ländergrenzen hinweg zu erleichtern. Doch was geschieht beispielsweise mit kleineren Museen und Einrichtungen, denen personelle oder finanzielle Möglichkeiten fehlen, um ihre Sammlungen zu digitalisieren? Die Sichtbarkeit und Wahrnehmbarkeit von Kulturinstitutionen, die Sammlungen verwalten, hängt zunehmend auch von der Bereitstellung digitaler Ressourcen ab. Neben finanziellen und administrativen Hürden gilt es hierbei auch sprachliche Formen zu finden, die sowohl auf den bisher entwickelten (analogen und digitalen) Such- und Findmechanismen aufbauen und gleichzeitig einer politisch korrekten Sprache gerecht werden. Die Konservierung und Bereitstellung der dadurch entstehenden, großen Datenmengen stellt die Museen aber auch vor Herausforderungen, insbesondere was die angestrebte Klimaneutralität betrifft.Zuletzt bleibt auch die Frage danach, was in Anbetracht der Einhaltung klimapolitischer Ziele überhaupt für zukünftige Generationen erhalten werden soll und wie Kulturgüter (haptisch und digital) nachhaltig konserviert werden können, bis hin zur Erhaltung von Kunstwerken, die ausschließlich in digitaler Form existieren und für die als Neue Medien neue Techniken der Konservierung benötigt werden. Die Digitalisierung erfordert aus konservatorischer und restauratorischer Sicht nicht nur die Notwendigkeit innovativer, nachhaltiger Methoden, sondern sie bietet auch die Chancen einzigartiger, detailreicher Perspektiven auf die Objekte einer Sammlung.Die Tagung ist Teil einer Reihe von vier Weiterbildungen, die im Zwei-Jahres-Rhythmus für Volontär*innen an staatlichen und nichtstaatlichen Museen, Gedenkstätten und in der Denkmalpflege in Baden-Württemberg stattfinden. Die Tagungsreihe nimmt die zentralen Aufgabenfelder der Museumsarbeit (Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen, Vermitteln) und des Museumsmanagements in den Blick. Sie bietet zudem die Möglichkeit zur Vernetzung der Volontär*innen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland.Das Programmheft steht hier zum Download zur Verfügung.