Bereits auf Höhe der letzten Treppenstufen, die zum ersten Geschoss der Kunsthalle hinauf führen, werden unsere Besucher*innen vom Bildnis einer lächelnden jungen Frau im schulterfreien, grünen Kleid begrüßt. Die grazile Halbfigur entsteht mittels dickem Farbauftrag auf der Leinwand ohne Rahmung. Die Pinselspuren verraten einiges über die Zeitlichkeit des Entstehungsprozesses: So ist die Farbe des beigefarbenen Hintergrunds teilweise über die Umrisse der Porträtierten gemalt und somit nicht wie üblich als erste Malschicht angelegt worden. Dunklere Partien schimmern durch den hellen Hintergrund hindurch. An anderen Stellen bleibt der Trägerstoff völlig frei von Farbe. Die Haut wird durch mehrere Brauntöne mit breiter Pinselführung realisiert, wobei mit dunklen Akzenten Schatten gesetzt sind, um die feinen Gesichtszüge, die hohen Wangenknochen und die geschwungenen Augenbrauen sowie die zarte Halspartie zu betonen. Ihre Haare sind hochgesteckt. Das Kleid umspielt die schmalen Schultern, wobei es scheint, als ob sie den losen Stoff mit ihren umschlingenden Armen festhält. Die Textur von Haut, Stoff und Hintergrund verschwimmen miteinander und werden jeweils gleichwertig behandelt.Der Stil der britischen Künstlerin Lynette Yiadom-Boakye, 1977 in London geboren mit Wurzeln in Ghana, erinnert aufgrund ihres virtuosen Umgangs mit nasser Farbe auf Leinwand unweigerlich an die Malerei der französischen Avantgarde des 19. Jahrhunderts, wie sie nebenan im Kubus der französischen Meisterwerke in einer neu kuratierten Sammlungspräsentation zu sehen sind: Das bekannte Historienbild von Édouard Manet „Die Erschießung Kaiser Maximilians“ (1868 – 1869), dessen Bedeutungsgeschichte in einem eigenen Blogbeitrag erzählt wird, hängt im direkten Dialog mit Vertretern des Impressionismus und Post-Impressionismus. Vor dem satten Blau der ausgewählten Wandfarbe kommt die Strahlkraft der Malerei von unter anderem Paul Cézanne, Pierre-Auguste Renoir oder Vincent Van Gogh zur vollen Geltung, ebenso wie die einzigartige dreidimensionale Qualität der Bronzen von Edgar Degas oder August Rodin. Bereits während ihres Studiums der Malerei an der Londoner Royal Academy of Arts bezieht sich Lynette Yiadom-Boakye bewusst auf diese Maltraditionen des westlichen Kunstkanons. Zudem steht sie in einer Reihe mit zeitgenössischen Künstlern und Künstlerinnen wie Barkley L. Hendricks, Kerry James Marshall, Amy Sherald, Elizabeth Colomba oder Kehinde Wiley.Ausgangspunkt ihres Schaffens sind vor allem ihre Überlegungen über das malerische Zusammenspiel der unterschiedlichen Farben, wie sie gegeneinander bestehen oder sich überlagern können. Motivisch weisen Lynette Yiadom-Boakyes Kompositionen allerdings einen erheblichen Unterschied zu den älteren französischen Meistern der Sammlung auf: Sie malt ausnahmslos Schwarze. Die Figuren stehen im Mittelpunkt des Bildes, nicht als Staffagefiguren, Sklaven, Bedienstete oder „edle Wilde“, wie es noch im Kreis um Manet üblich war. Ihre Protagonist*innen tragen nicht die Last der Geschichte auf ihren Schultern und werden auch nicht als Opfer dargestellt. Die Hautfarbe steht nicht im Vordergrund. Yiadom-Boakyes fiktive Charaktere bleiben zeitlos unbestimmt. Keine Hinweise im Hintergrund oder Merkmale der Kleidung verweisen auf die Herkunft oder Bedeutung der Personen – so wird auch bei der unbekannten Dame im grünen Kleid eigentlich keine besondere Geschichte über sie erzählt. Sie sieht den Betrachtenden direkt an, mit einem freundlichen, doch sehr durchdringend bestimmenden Blick. So lässt sich ihre Anwesenheit schließlich subtil politisch interpretieren, denn Lynette Yiadom-Boakye thematisiert in ihrer Malerei die Abwesenheit von Schwarzen, Indigenen und People of Color in der westlichen Malerei sowohl vor als auch auf der Leinwand.Mit der aktuellen Präsentation von „Pie“ im prominenten Bereich im ersten Geschoss möchte das kuratorische Team der Kunsthalle Mannheim ein Zeichen setzen, um ein stärkeres Bewusstsein zu schaffen für rassistisch motivierte Diskriminierung gegenüber BIPoC Menschen (Black, Indigenous and People of Color) innerhalb unserer Gesellschaft, aber auch innerhalb des Kunstbetriebs. Der frühe Ankauf von Werken von Lynette Yiadom-Boakye steht für die Weitsichtigkeit und Unterstützung der Kunsthalle Mannheim gegenüber der jungen, noch wenig bekannten Künstlerin zu Beginn ihrer Karriere. Das Porträt „Pie“ (2004) wurde bereits 2006, drei Jahre nach ihrem Abschluss, nach einem Besuch in ihrem Studio in London für die Sammlung der Kunsthalle angekauft, zusammen mit einem weiteren Werk „To Undertake The Social Work“ (2004), dass momentan nebenan im Schaudepot ausgestellt ist. 2013 erlangt Lynette Yiadom-Boakye weltweit Aufmerksamkeit aufgrund ihrer Nominierung für den Turner Preis als erste Schwarze Künstlerin. 2016 widmete ihr die Kunsthalle Basel eine große Einzelausstellung, ein Jahr später folgte das New Museum in New York. Letztes Jahr vertrat sie gemeinsam mit anderen Künstler*innen den Pavillon von Ghana, als das Land erstmals an der 58. Venedig Biennale teilnahm. Aktuell wird in der Tate in London eine Schau für November 2020 vorbereitet.
Abstand halten, Maske an, Klappstuhl auf und es konnte doch stattfinden: Das Blogger-Event zu UMBRUCH – der ersten Ausstellung, die Direktor Johan Holten am Haus kuratiert hat und durch Corona mit zweimonatiger Verzögerung nun endlich eröffnen konnte. Der Titel der Ausstellung könnte 2020 nicht aktueller sein. In drei Kapiteln werden Umbrüche sichtbar gemacht: Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit der 1920er-Jahre wiederentdeckt und gewürdigt, die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Konventionen in den Blick genommen und drei Positionen von Bildhauerinnen aus aller Welt gezeigt –all dies zwischen Wänden, Podesten und Rampen aus Baugerüsten als Ausdruck des Unfertigen, das noch im Werden ist. Der Abend startete mit einer Kurzführung durch die Ausstellung. Es folgten ein Curators Talk mit dem Ausstellungsmacher selbst sowie drei kreative Drop-Ins zu den Schwerpunkten der Schau. Radikal geschnitten wurde im feministischen Reenactment mit Anna Schmutz – Leiterin des Mannheimer Stadtensembles des Nationaltheater Mannheim,die sich das Thema Feminismus divers einverleibt hat. Ein Reset des Blickwechsels brachte das Interkulturelle Haus Mannheim in seiner Aktion mit Malerei, elektronischer Trommelmusik und Sprechgesang zum Ausdruck: unsere Gesellschaft als vielfältiges und buntes Gesicht. Im „Resonanzraum, Mannheim“ der Künstlerin Nevin Aladağ gab es live vielfältige Klänge durch Dominik Fürstberger, der sich als Musiker und Komponist dem interkulturellen Austausch verschrieben hat. Mit den Blogger*innen entstand eine gemeinsame Klangskulptur. Am Ende gab es ein Get-Together in unserem Museumsrestaurant LUXX. Wir haben uns sehr über den Austausch gefreut – nicht nur nach der langen Entbehrung, sondern auch auf die anderen Sichtweisen zu UMBRUCH von unseren #bestbloggers aus den Bereichen Kunst, Kultur, Live-Style, Vielfalt und Feminismus.Hier eine Auswahl der Blogbeiträge„Die Schau markiert auch einen inhaltlichen Umbruch des Museums selbst, verdeutlicht durch ein Baugerüst, das sich durch die drei Schwerpunkte der Ausstellung zieht, von der Neuen Sachlichkeit über die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Konventionen bis hin zu bildhauerischen Positionen.“ – mus.er.me.ku „In der aktuellen Pandemie-Krise, die alle Bereiche der Gesellschaft fest im Griff hat, ist die von Holten kuratierte Schau ein Zeichen für den Wandel und das Umdenken und damit auch für die neuen Möglichkeiten, die aus der Krise erwachsen.“ – Kunstblog-Mannheim.de „Bühne frei – für die Underdogs und Streetdancer, für Newcomer und Vergessene. Die Ausstellung „Umbruch“ der Kunsthalle Mannheim passt so wunderbar in diese Stadt, die selbst voller Veränderung steckt und so vielschichtig ist." – Linie 5, Entdecke die Welt mit Heike Wolff „Wenn Johan Holten über Kunst und sein Museum spricht, tut er dies mit solch einer exzessiven Begeisterung, dass er alle Zuhörer*innen mit sich reißt. So auch bei der Ausstellung UMBRUCH, seiner ersten Sonderausstellung als neuer Direktor der KUMA, die den inhaltlichen Umbruch des Museums einleiten wird.“ – SandraLooks „GIBT ES EINEN UMBRUCH? Es gibt keine Stagnation, meint Anna Schmutz, Leiterin des Mannheimer Stadtensembles des Nationaltheater Mannheim, beim Abendessen nach dem Event. In ihrem Workshop konnten wir Taschen bedrucken. Ganz einfach mit einem Bügeleisen, Frischhaltefolie und ausgedruckten Motiven. Die Motive waren Werke von den drei Künstlerinnen Hanna Nagel, Jeanne Mammen und Anita Rée. Durch die Bilder auf den Taschen sollen wir dazu beitragen, den Werken noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken." – Andreas Wundersee
„Es ist beeindruckend wie stark die Farben und Kontraste nun wieder herauskommen“, stellt Dr. Inge Herold, stellvertretende Direktorin der Kunsthalle Mannheim, begeistert fest. Das Herzstück der Sammlung, Édouard Manets „Die Erschießung Kaiser Maximilians“ von 1868/69 wurde über die vergangenen Wochen sorgfältig gereinigt. Ab Freitag, den 31. Juli, können Besucher*innen das Gemälde in Gesellschaft seiner französischen Zeitgenossen neu entdecken. Gezeigt werden unter anderen Werke von Delacroix, Monet, Pissarro, Sisley und Van Gogh.Ein fünfköpfiges Team der Abteilung Restaurierung positionierte Manets ca. 2 mal 2,5 Meter großes Gemälde an seinem neuen Platz im ersten Obergeschoss des Neubaus der Kunsthalle. Vor der frisch gestrichenen blauen Wand des Ausstellungs-Kubus 1 leuchten die Farben des Gemäldes in neuer Intensität. Mehr als 80 Arbeitsstunden benötigte Katrin Radermacher für die Oberflächenreinigung. Immer wieder tauchte die Restauratorin über die vergangenen Wochen einen Spezialschwamm in destilliertes Wasser, um damit Verunreinigungen von der Oberfläche des berühmten Ölgemäldes abzutragen. Bei hartnäckigerem Schmutz kam künstlicher Speichel oder sogar ein Skalpell zum Einsatz.Das wohl berühmteste Werk der Mannheimer Sammlung nimmt eine Schlüsselposition in der Geschichte des Museums ein. Mit einem seiner ersten Ankäufe gelang Gründungsdirektor Fritz Wichert im Jahr 1910 ein Coup, der große Aufmerksamkeit, aber auch enormen Widerstand zur Folge hatte. Kunst der Moderne – und dann auch noch aus Frankreich – stand in Verruf. Für Fritz Wichert bedeutete das Werk Manets den Beginn der Umsetzung eines Sammlungskonzepts, das die klassische französische Malerei des 19. Jahrhunderts in den Fokus nahm. Meisterwerke von Delacroix, Courbet, Monet, Pissarro, Corot, Cézannes und Sisley stellte er im „Franzosensaal“ aus. Mit der Neupräsentation des Kubus 1, kuratiert von Sammlungsleiterin Dr. Inge Herold, zollt die Kunsthalle Fritz Wicherts mutiger Ankaufspolitik nun Tribut.
Im Laufe der inhaltlichen Konzeption ergibt sich die Titelfindung einer Ausstellung meistens von selbst. Diesmal haben wir lange über verschiedenen Arbeitstiteln gebrütet. „Umbau“, „Auftakt“ oder lieber „Aufbruch“? Schließlich die Entscheidung: „Umbruch“ – auch als Statement von Johan Holten zu seiner Funktion als neuer Direktor der Kunsthalle Mannheim zu verstehen. Mit seiner ersten Sonderausstellung „Umbruch“ stellt er seine Vision eines inhaltlichen Umbruchs des Museums vor, den er auf den architektonischen folgen lässt. Von welchen gesellschaftlichen „Umbrüchen“ die Ausstellung tatsächlich begleitet wird, konnte niemand ahnen: Aufgrund der anhaltenden Corona-Pandemie musste die Kunsthalle mehrere Wochen schließen und die geplante Eröffnung der Ausstellung im Mai wurde auf Juli verschoben. Radikale Einschnitte des Alltags – Kontaktverbote, Abstandsregeln, das Tragen von Masken und Hygienevorschriften – schaffen in der Bevölkerung ein neues Bewusstsein dafür, welche Privilegien mehrheitlich vorausgesetzt werden und wie schnell sich die vermeintliche Normalität jedes*r Einzelnen, tatsächlich ändern kann – bis hin zur Einschränkung des eigenen Freiheitsgefühls. Dem zum Trotz wird die Welt Ende Mai abrupt mit dem qualvollen Tod von George Floyd durch einen Polizeieinsatz in Minneapolis konfrontiert, der uns alle bis ins Mark erschütterte. Seine Worte „I can’t breathe“ werden zum globalen Aufruf zu Anti-Rassismus-Demonstrationen, welcher in der Bewegung „Black Lives Matter“ auf den Straßen und in den Sozialen Medien ihren Ausdruck findet.Im Kontext dieser wieder aufgeflammten Debatte gewinnt die 6-minütige Videoarbeit „Les Indes Galantes“ des französischen Künstlers Clément Cogitore einmal mehr an Aktualität. Der Künstler lud 2017 junge krump-Tänzer*innen ein, auf der Bühne der Pariser Opéra Bastille ein barockes Opernballett neu zu interpretieren. Der Freestyle krump hat seine Wurzeln im Hip-Hop und entstand in den 1990er-Jahren in Los Angeles als Reaktion auf extrem brutale Polizeigewalt gegenüber dem Afroamerikaner Rodney King und dem anschließenden Freispruch der Beamten. Jugendliche entwickelten den empathischen Streetdance krump als Protest gegen rassistisch motivierte Gewalt, Diskriminierung und soziale Ausgrenzung. In Cogitores „Les Indes Galantes“ tanzen sie zur in Frankreich sehr bekannten Musik des Komponisten Jean-Philippe Rameau. Das Stück wurde im frühen 18. Jahrhundert vom Rhythmus und Gesang zweier amerikanischer Indigener in Paris inspiriert. Der exotisierende Blick auf die nordamerikanischen „Wilden“ von einst wird durch den zeitgenössischen Auftritt reflektiert und die Lesart in die Gegenwart transformiert.Mit getanzten Kampf- und Verhaftungsgesten im Zusammenspiel der mitreißenden Melodie beschwört das Werk Bilder von einem Tanz auf dem Vulkan herauf. „Es liegt auf der Hand, dass diese Explosion bis zu einem gewissen Grad politisch gedeutet wird“, so Cogitore in einem früheren Interview. Die Tänzer*innen artikulieren sowohl eigene Erfahrungen, als auch Emotionen der Gemeinschaft gegenüber rassistischen Mechanismen und Ungerechtigkeiten der Gegenwart. Die getanzten Bilder erinnern an die Nachrichtenbilder von demonstrierenden People of Color, die ihrem kollektiven Zorn Luft machen. Gleichzeitig wird dem underground-krump durch die Aufführung auf einer Opernbühne und der Präsentation im Museum die ursprüngliche Bedeutung ein Stück weit genommen – ähnlich einem Altar, der als Kunstwerk im Museum einen ganz anderen Kontext erfährt, als durch seine ursprüngliche Funktion in der Kirche.In Cogitores Arbeit wird die Gewalt gesellschaftlicher Hierarchien verhandelt, die teilweise von Kulturinstitutionen mitbegründet werden. Besonders die Opernbühne gilt nach wie vor eher als ein elitärer, weißer Ort, dessen Raum die Tänzer*innen hier für einen kurzen Augenblick übernehmen. Wie die Mehrheit unserer Gesellschaft ist auch die deutsche Kunst- und Kulturlandschaft von Machtstrukturen geprägt; auch hier liegen soziale und ethnische Ungleichheiten auf verschiedenen Ebenen vor. Es fällt nicht leicht, sich Vorwürfen zu stellen, sich einer unangenehmen Rolle zuzuordnen, sich unsicher zu fühlen, kurz: Zuzuhören – beziehungsweise Hinzusehen. Beim Anschauen von „Les Indes Galantes“ verspüren wir etwas Mitreißendes, Befreiendes und wollen den Tanz noch einmal ansehen, in der Hoffnung, unsere Gefühle dann besser einordnen zu können, je nachdem, welchen Teilen der Gesellschaft wir uns zugehörig fühlen. Durch die Tanzenden wird uns allen ein Spiegel vorgehalten. Insbesondere Kultur trägt eine soziale Verantwortung, zu kommentieren, zu hinterfragen, und dazu beizutragen, normative Wertvorstellungen in der Gesellschaft wahrzunehmen und perspektivisch zu verändern. Trotz oder gerade mittels Konfrontation, werden in „Les Indes Galantes“ soziale Vorurteile interdisziplinär aufgebrochen und diese als aktiv gestaltbar behandelt – auch für die transkulturelle Metropole Mannheim und ihre Kunsthalle eine unmittelbare Herausforderung.Weitere Informationen zur Ausstellung sowie den Trailer finden Sie hier.
Eine Eck-Harfe in Form einer antiken Leier, eine abstrahierte Trommel und trichterförmig angeordnete Glocken lassen den Ausstellungsraum zu einem einzigen Resonanzkörper werden. Die Künstlerin Nevin Aladağ schafft für die Kunsthalle Mannheim einen Musikraum, den die Musiker des Haz’art Trio am 19. Juli zwischen 15.30 bis 17 Uhr bespielen wird.Nevin Aladağ nutzt in ihren Arbeiten Räume, Muster und Musik. Die eigens für die Ausstellung „Umbruch“ geschaffene raumgreifende Installation der Berliner Künstlerin mit deutsch-türkischen Wurzeln lässt die Ausstellungsfläche in der Kunsthalle Mannheim selbst zum Musikinstrument werden. In jeder Ecke sind skulpturale Klangkörper integriert. Der Boden des quadratischen Raums wird von einem Sound-Teppich, dem „Social Fabric“, bedeckt - ein Mosaik aus Teppichen unterschiedlicher Herkunft. Das entstandene Muster erinnert an Notenlinien und an die Quadratestadt.Im Rahmen der Sonderausstellung „Umbruch“, die vom 17. Juli bis zum 18. Oktober zu sehen ist, hat die Kunsthalle verschiedene Musiker dazu aufgefordert, Aladağs Instrumente für improvisierte Konzerte oder Performance-Sessions zu nutzen. Die dreiteilige Konzertreihe beginnt mit dem Haz’art Trio. Fadhel Boubaker aus Tunis, Jonathan Sell aus Mannheim und Dominik Fürstberger aus Basel machen diese Installation akustisch erfahrbar. Für das Haz’art Trio ist der Austausch zwischen Kulturen eine wichtige Inspirationsquelle. Neben traditionellen Rhythmen aus der arabischen Welt bildet eingesetzte Live-Elektronik eine weitere klangliche Ebene, die die östliche und westliche Musiktradition vereint und hierbei alle Genregrenzen überschreitet.Am 27. September und 7. Oktober werden das Electronica Trio YėY und Gäste aus der Orientalischen Musikakademie Mannheim weitere begleitende Konzerte mit den einzigartigen Instrumenten spielen.AUF EINEN BLICKProgrammPlus:Sonntag, 19.07.20, 15.30 bis 17 Uhr Nevin Aladaǧs „Resonanz Raum / Resonance Room“Konzert mit dem Haz’art Trio im Rahmen der Ausstellung „Umbruch“Kosten: Ticket im Ausstellungseintritt enthaltenUmbruchLaufzeit: 17. Juli bis 18. Oktober 2020Kurator: Johan Holten
Viele Besucher*innen haben während der Corona-bedingten Zwangspause den MVV Kunstabend vermisst, der jeden ersten Mittwoch des Monats bei freiem Eintritt zum Museumsbesuch einlädt. Daher freut sich die Kunsthalle Mannheim umso mehr, das Angebot am 1. Juli zusammen mit der „Bar der Gegenwart“ und einem Werkgespräch in der Reihe „Kunst und Religion“ endlich wieder aufzunehmen. Am 1. Juli um 19.30 Uhr startet die Veranstaltungsreihe „Bar der Gegenwart“ in einem besonderen Format. Wo sonst Besucher*innen mit Künstler*innen und Expert*innen bei einem Drink ins Gespräch kommen, wird diesmal die Ausstellung „Umbruch“, die am 17. Juli startet, digital-analog eingeläutet. Digital zugeschaltet sind internationale Künstler*innen, die in der Ausstellung vertreten sein werden. Per Live-Übertragung und Videochat wird im Gespräch mit Johan Holten, Direktor der Kunsthalle und Kurator der Ausstellung, über die gezeigten Werke sowie das Thema der vielfältigen Umbrüche unserer Gegenwart diskutiert. Zu Gast sind die Künstler*innen Nevin Aladağ, Clément Cogitore und Alexandra Pirici. Die deutsch-türkische Künstlerin Nevin Aladağ hat sich durch ihre einzigartigen Klangkörper einen Namen in der internationalen Kunstszene gemacht und wird eigens für die Kunsthalle Mannheim eine raumgreifende Installation mit Klangskulpturen schaffen. Clément Cogitore hat in seiner mitreißenden filmischen Arbeit junge Tänzer*innen dazu aufgefordert, das barocke Opernballett „Les Indes Galantes“ auf der Bühne der Pariser Oper mithilfe zeitgenössischen Streetdance neu zu interpretieren. Alexandra Pirici gestaltet mit Tänzer*innen aus der Region eine performative Intervention, die in den Ausstellungsräumen präsentiert wird.Hat die zeitgenössische Kunst noch relevante Berührungspunkte mit religiösen Fragestellungen? Das Führungsformat „Kunst und Religion“ gibt Antwort. Pfarrer Peter Annweiler, TelefonSeelsorge Pfalz, stellt ab 18.30 Uhr im Gespräch mit Dr. Dorothee Höfert, Leiterin der Kunstvermittlung, das Werk „Cadaver Tables“ (1996) von Kiki Smith vor. Die deutsch-amerikanische Bildhauerin und Graphikerin stellt den menschlichen Körper und die Fragen um Leben, Krankheit und Tod ins Zentrum ihres Schaffens.Der MVV Kunstabend findet jeden ersten Mittwoch im Monat statt. Zwischen 18 und 22 Uhr öffnet sich die Kunsthalle Mannheim bei freiem Eintritt für ihre Besucher*innen.AUF EINEN BLICKProgrammPlus:Mittwoch, 01.07.20, 19.30 UhrBar der GegenwartDrinks und digital-analoge Gespräche mit Alexandra Pirici, Clément Cogitore, Nevin Aladağ, sowie Fadhel Boubaker vom Haz’art Trio - Künstler*innen und Beteiligte der Ausstellung „Umbruch“Die Veranstaltung kann auch digital besucht werden. Link unter kuma.artKosten: 5 €, Museumseintritt frei – MVV KunstabendVeranstaltungsort: AuditoriumREIHE: Kunst und ReligionMittwoch, 01.07.20, 18.30 UhrGespräch am Werk mit Pfarrer Peter Annweiler, TelefonSeelsorge Pfalz, und Dr. Dorothee Höfert, Kunsthalle MannheimKosten: 6 €, Museumseintritt frei – MVV KunstabendAb dem 1. Juli: MVV Kunstabend am 1. Mittwoch im Monat, 18 - 22 Uhr, Eintritt frei
Unser Nachbarland Frankreich hat seine Grenze ab dem 15. Juni wieder für Reisende aus Deutschland geöffnet. Touristenunterkünfte in weiten Teilen des Landes bereiten sich auf ankommende Urlauber vor, jedoch normalisiert sich das Leben in der Hauptstadt Paris voraussichtlich erst ab Ende des Monats. Die Metropole wurde vom Virus schwer getroffen, doch nun ist der wunderbare Genuss eines café au lait bereits auf den Terrassen der Stadt und bald auch wieder in den Innenräumen möglich. Kulturelle Institutionen wie Theater und Museen wappnen sich für einen Neustart und potentielle Besucher des Wahrzeichens der Stadt, des Eiffelturms, warten gespannt auf den 25.06. und damit auf die derzeit offiziell geplante Wiederöffnung des Publikumsmagneten.Das berühmte Bauwerk wurde einst als Attraktion einer Weltausstellung geplant, als Meisterwerk der Ingenieurskunst gefeiert und ist noch heute wichtigstes Wahrzeichen von Paris und der ganzen französischen Nation. Nach seinem Erbauer Gustave Eiffel benannt, war der Turm als markantes Zeichen der Moderne mit 324 Metern Höhe in seinem Entstehungsjahr 1889 das höchste Bauwerk der Welt. Dennoch gab er bereits vor seiner Errichtung Anlass zu Kontroversen um seinen Nutzen und seine Ästhetik, die sich so sehr von der klassischen Steinarchitektur zu distanzieren und zu emanzipieren schien. Zahlreiche namhafte Künstler sprachen sich öffentlich gegen seine Entstehung aus und auch noch im Jahr 1909 gab es Überlegungen, das Monument abzureißen. Bekanntermaßen wurden diese nicht umgesetzt.Im gleichen Jahr wählt ein junger Künstler den Eiffelturm zum Objekt zahlreicher künstlerischer Experimente: Für Robert Delaunay stand der Eiffelturm für den technisch-kulturellen Fortschritt seiner Zeit. Besonders die filigrane Eisenkonstruktion inspirierte ihn zu insgesamt rund 30 Gemälden. Die innovative Bauweise des Turms wird zum idealen Motiv für die neuartige Darstellungsweise des Künstlers, der zusammen mit seiner Frau Sonia Delaunay-Terk viele Jahre den von ihm als peinture pure bezeichneten Stil entwickelte – eine reine Malerei kubistischer Formen voller Licht und Farbe. Eines der Gemälde aus der Reihe der Fensterbilder befindet sich heute in der Kunsthalle Mannheim. Das Werk stammt aus dem Jahr 1914, war jedoch in seiner Komposition bereits 1910 angelegt. Der Maler wählte hier keine naturalistische Darstellung, sondern zerlegte sie in kubistische Aufsplitterungen und gibt so die pulsierende und fortschrittliche Hauptstadt in transparenten Farbflächen wieder. Die titelgebende Aussicht durch das angedeutete Fenster gleicht dem Blick durch ein Kaleidoskop, welches die Stadt in simultane Farbflächen bricht und – trotz dieser Verfremdung – das Motiv des Eiffelturms in der Pariser Dachlandschaft erkennen lässt. Inmitten der abstrakten Dachspitzen und Schornsteine thront der in Rot gehaltene Turm als Anziehungspunkt für den Betrachter. Kaum zu glauben, dass Delaunay als einziger Maler seiner Generation den Eiffelturm so oft zum Objekt seiner Studien wählte und das Motiv heute als urban icon aus den Souvenirläden der Stadt nicht wegzudenken ist.
„Ein Stratege im Dienste der Menschlichkeit“, so wurde der erste Direktor der Mannheimer Kunsthalle, Fritz Wichert (1887-1951), vom Schriftsteller Wilhelm Hausenstein beschrieben.Bei seinem Amtsantritt 1909 war der junge Museumsleiter 31 Jahre alt. Er legte zahlreiche wichtige Bausteine, die die Sammlung und Ausrichtung des Hauses heute noch bestimmen. Wer also war der junge Visionär?Fritz Wichert wurde 1887 in Mainz-Kastel geboren und entschied sich für ein Studium der Kunstgeschichte in Freiburg, Basel und Berlin. Nach seinem Abschluss 1906 fand Wichert eine Anstellung als Assistent am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt. Nebenbei war er als Kunstkritiker tätig.Mit dem heute noch bestehenden Jugendstil-Bau eröffnete die Kunsthalle im Dezember 1909 als erstes Museum Mannheims. Bei der Suche nach einem Museumsleiter überzeugte Wichert mit seiner Begeisterungsfähigkeit und seinen ambitionierten Plänen für die Neugestaltung der Mannheimer Sammlung. Bei seiner ersten Präsentation, der sogenannten „Meisterausstellung“ stellte er seine angestrebte moderne Sammlungspolitik vor. Gezeigt wurden 100 Werke von Künstlern wie Paul Cézanne, Gustave Courbet, Edgar Degas, Anselm Feuerbach, Edouard Manet, Claude Monet, Auguste Renoir. Fritz Wichert legte dabei den Fokus auf klassische französische Malerei des 19. Jahrhunderts, monumentale Menschendarstellungen und Werke der nationalen Kunstszene.Schon im Februar 1910 konnte Wichert das Herzstück der Mannheimer Sammlung, Edouard Manets „Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko“, mit privaten Spenden erwerben. Es folgten Meisterwerke von Monet, van Gogh und Cézanne. Gleichermaßen wurden auch bedeutende deutsche Arbeiten angekauft, beispielsweise von Anselm Feuerbach, Lovis Corinth oder Max Liebermann. 1919 wurde der Aufbau der Sammlung mit Werken expressionistischer Künstler erweitert, darunter Max Pechstein, Franz Marc und Ernst Ludwig Kirchner. Und auch auf den Aufbau einer Skulpturensammlung, die heute den Ruf der Kunsthalle ausmacht, legte Wichert großen Wert.Zwei weitere Aspekte sind für Wicherts Direktionszeit bedeutend: Sein Ausstellungsprogramm, das immer eng mit seinem Sammlungskonzept verknüpft war. Ebenso wichtig war ihm die Bildung und Bindung des Publikums an die Kunst – heute genannt Kunstvermittlung. Hierfür gründetet er 1911 den „Freien Bund zur Einbürgerung der bildenden Kunst in Mannheim“, der die Kunst – so der Visionär Wichert – „dem Verständnis möglichst aller Schichten der Mannheimer Bevölkerung“ erschließen sollte.Der erste Kunsthallen Direktor Fritz Wichert setzte also bedeutende Eckpfeiler im Profil der Kunsthalle Mannheim mit weitreichender Strahlkraft bis heute.In Kubus 0, im ersten Obergeschoss des Neubaus wird der mutigen Ankaufspolitik Wicherts Tribut gezollt. Es werden Ankäufe deutscher Kunst gezeigt, während ab Juli in Kubus 1 die französische Kunst mit Manets berühmtem Historienbild im Zentrum, präsentiert wird.
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